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Aktuelles vom Leseclub.

Jeden ersten Donnerstag im Monat trifft sich der Leseclub des Freundeskreises der Stadtbibliothek und spricht über einen vorab ausgewählten Roman. Interessierte sind herzlich eingeladen, jederzeit neu dazuzukommen.

Auf dem Programm steht dieses Mal “Drei” von Dror Mishani.

Drei
Buchcover © Diogenes Verlag

Moderiert wird der Lese-Club von Gundolf Herder und H- Jürgen Stock.

  • Donnerstag, 07. Juli
  • 17:00 Uhr
  • Eintritt frei
  • Veranstaltungsort: Zentralbibliothek im Hanse Carré, Bgm.-Smidt-Straße 10

Der Lesetipp im Juni – diesmal von der neuen Leiterin der Stadtbibliothek: Frau Anika Schmidt.

Jenny Erpenbeck (2021): Kairos, Penguin Verlag, 384 S.

Buchcover © Penguin Verlag

An einem Tag im November begegnet die 19-jährige Katharina dem Schriftsteller Hans, Mitte 50, verheiratet. Seitdem kommen sie nicht mehr voneinander los. Katharina blickt zu Hans auf, ist beeindruckt von seinem Wissen über Kunst und Kultur. Hans ist fasziniert von der jungen Katharina, will sie ganz für sich besitzen und dennoch seine Frau um keinen Preis verlassen. Ein Drama zwischen Liebe und Gewalt, Obsession, Hass und Hoffnung beginnt. Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Parallel zeichnet Jenny Erpenbeck in „Kairos“ das Bild der letzten Jahre der DDR und beschreibt, wie sich die beiden toxisch Liebenden Hans und Katharina nach der Wende in einer neuen Welt wiederfinden, in der ihre Liebe verloren scheint.

Kairos ist der Gott des glücklichen Moments. Die Vergänglichkeit dieses Moments und die Angst vor dem, was wohl folgen mag, finden in diesem Roman ihren Platz. Ein packendes Buch – unbedingt lesen!

Anika Schmidt

Das Buch kann in der Stadtbibliothek im Hanse Carré und der Stadtteilbibliothek in Leherheide entliehen werden.

Der Lesetipp im Mai – nicht nur am Muttertag relevant.

Kyung – Sook Shin (2012): Als Mutter verschwand, Piper Verlag, 248 S.

Buchcover © Piper Verlag

Eine Woche ist es jetzt her, dass Mama verschwunden ist.“ Mit diesem Satz beginnt Kyung – Sook Shins Roman, der uns in das ländliche Korea und eine andere Zeit führt. Denn die nun verschollene So-Nyo Parks wird 1938 in einem kleinen Dorf in Korea geboren. Als 17-­jährige wird sie mit einem ihr unbekannten, aber nach Aussage eines Horoskops passenden 20-jährigen Mann verheiratet. Eine Rettungsmaßnahme, denn es herrscht Krieg, und marodierende Soldaten verschleppen Mädchen ihres Alters.

Sie gebärt fünf Kinder. Einkünfte hat die Familie keine, doch allein mit der Feldarbeit und großen Sparsamkeit vonSo-Nyo gelingt es, alle zu ernähren und dem Nachwuchs eine Schulbildung zu ermöglichen. Ihr Ehemann hat kein Gespür für die Nöte seiner Frau, hilft ihr nicht, schafft keine Geräte an, die ihr die mühselige Arbeit in Haus und Flur erleichtern könnten. Er lebt sein eigenes Leben. Nun ist sie verschwunden und er sitzt allein im Haus, ruft wie immer nach ihr, aber niemand antwortet. Er entdeckt Unerwartetes: Seine Frau hat einen Großteil der Geldzuwendung von der ältesten Tochter Chi-Hon, die eine anerkannte Schrift­stellerin geworden ist, an ein Waisenhaus gespendet. Als Gegenleistung erhielt sie dort etwas für sie Wichtiges: Die Leiterin las ihr Chi-Hons Buch vor. Hatte denn niemand bemerkt, dass die Mutter nicht lesen kann?

Ein oder eine nicht näher benannte Erzähler*in blickt zurück auf die gemeinsamen Erlebnisse mit der Mutter, so als würde ein Fotoalbum aus der Vergangenheit durchgeblättert. Dies sind Versuche, die ereignisreiche Zeit wieder hervorzuholen und zu verstehen. Wertschätzung und Rücksichtnahme hatte die Mutter nie erfahren; alle Familien­mitglieder haben sie als selbst­verständ­liche Institution der einseitigen Pflicht­erfüllung betrachtet und benutzt. Jetzt ist der Moment der Besinnung gekommen.

Kyung-Sook Shin hat mit „Als Mutter verschwand“ einen Roman geschrieben, der einen packt. Am schlechten Gewissen, an der Sehnsucht. Er erzählt meisterlich von Mutterliebe, von Entsagung und Reichtum, von Familienopfern und -wurzeln. Die wenigen kitschigen Momente – ja, auch die gibt es – verzeiht man gern. In Korea war das Buch ein Bestseller, es ist in mehr als 20 Ländern veröffentlicht worden, und Kyung-Sook Shin gewann dafür im vergangenen Jahr als erste Frau den Man Asian Literary Prize.

Esther Lindenau

Das Buch gehört zum Bestand der Stadtbibliothek.

Kostenloser Bibliotheksausweis für Geflüchtete!

Alle Menschen, die in den letzten drei Monaten neu in Deutschland und in Bremerhaven angekommen sind, können jetzt kostenlos einen Bibliotheksausweis erhalten und damit Medien z.B. zum Deutschlernen, Romane und Kinderbücher in anderen Sprachen und vieles mehr ausleihen.

Ein Ausweis oder Pass sowie die Meldebescheinigung reichen für die Anmeldung aus.

Finanziert wird die Aktion vom Freundeskreis der Stadtbibliothek Bremerhaven e.V.

“Wiedergelesen” im April …

Friedrich Dürrenmatt (1986): Der Verdacht, Diogenes, 128 S.

Buchcover © Diogenes Verlag

Der todkranke Berner Kommissar Bärlach liegt nach einer Krebsoperation im Hospital. In einer Illustrierten sieht er das Bild des Arztes Nehle im Konzentrationslager Stutthoff, wie er ohne Narkose operiert. Sein Freund weist ihn auf die Ähnlichkeit des Naziarztes Nehle mit einem Modearzt namens Emmenberger hin, der in Zürich ein Sanatorium für Reiche betreibt. Bärlach, obwohl hilflos und todkrank im Bett, schöpft den Verdacht, Emmenberger sei mit Nehle identisch und beginnt mit Ermittlungen. Das ist in kurzem der „Plot“ des 1952 erstmals in einer Zeitschrift als Fortsetzungsgeschichte erschienen Romans „Der Verdacht“.

Die Wiederentdeckung lohnt sich nicht allein wegen der moralischen und ethischen Auseinandersetzungen zwischen den Protagonisten. Es ist die logische Unerbittlichkeit, mit der der Kommissar seine Untersuchung durchführt, der kriminalistische Scharfsinn, die ihm in seiner Hilflosigkeit einzig bleiben, um seinem Verdacht nachzugehen, und die den Leser von Anfang in ihren Bann schlagen.

Am meisten hat mich aber bei der erneuten Lektüre die Sprachgewalt des Autors gefangen genommen. Da wird Bärlach in seinen Untersuchungen von Gulliver unterstützt, einem riesigen Juden in „alten, fleckigen und zerrissenen Kaftan“, der weltweit, hauptsächlich „bei den Sowjetern“, im Untergrund lebt, um Gepeinigte zu retten, „eine Handvoll Juden, eine Handvoll Christen“.

„Sein Kopf war kahl und mächtig, die Hände edel, aber alles mit fürchterlichen Narben bedeckt“, mit „wimpernlosen, diamantenen Augen“. Gulliver bringt Wodka an das Krankenbett des Kommissars, den er in großen Zügen trinkt, trinken muss, wie er sagt, als er erzählt, wie der Naziarzt an ihm eine Magenresektion ohne Narkose durchgeführt hat, die Gulliver als einziger überlebt hat.

Mit ganz großer Erzählkunst hält Dürrenmatt bis zum Schluss den Leser in atemloser Spannung, indem er über mehrere Seiten den Ablauf von Zeit in einer einzigen Nacht schildert, Sekunden, Minuten und Stunden, bis zum endgültigen, dramatischen Finale.

Bleibt zu erwähnen, dass der Roman an Hochspannung einem modernen Thriller in nichts nachsteht.

Friedrich von Bonin

Das Buch finden Sie auch in der Stadtbibliothek!

Aktuelles …

Nachdem wir im letzten Jahr hier monatlich einen Lesetipp veröffentlicht haben, der jeweils von Menschen unserer Stadt verfasst wurde, möchten wir das Spektrum der Buchempfehlungen erweitern. Zukünftig finden Sie hier sporadisch Lesetipps unter dem Motto “Wiedergelesen”. Der erste erscheint am 15. April, verfasst von Friedrich von Bonin. Seien Sie gespannt auf das Werk, das er Ihnen vorstellen wird.

Was Sie sich vielleicht schon immer einmal wissen wollten: Wie funktioniert eigentlich der Leseclub?

Wer den Artikel über den Leseclub im Sonntagsjournal verpasst hat, kann ihn hier nachlesen.

Aus aktuellem Anlass …

Um die Rolle der Stadtbibliothek im Rahmen der Neugestaltung der Innenstadt zu stärken, hat sich der Freundeskreis in einem offenen Brief an wichtige Repräsentant*innen der Stadt gewandt. Hier der Link zum Brief.

Der Lesetipp im Februar – diesmal ein Beitrag des Leseclubs.

Theresia Enzensberger (2019): Blaupause, dtv Verlag, 256 S.

Buchcover © dtv Literatur

Das Buch war beim letzten Treffen vorgestellt und ausgewählt worden. Entscheidend für die Wahl war das Thema Bauhaus mit seinen berühmten Protagonisten Gropius, Kandinsky, Klee und die Zeit der 20er Jahre. 

Die Handlung: Die junge Studentin Luise Schilling beginnt 1921 ihr Studium am Bauhaus. Das ist nicht unproblematisch. Angefangen von der notwendigen Erlaubnis des Vaters bis hin zu der vorherrschenden Meinung, dass Architektur kein Studium für Frauen sei. Luise muss sich orientieren und herausfinden, welche Gewerke, welche Lehrmeister, welche anderen StudentInnen zu ihr passen. Sie freundet sich mit einer Gruppe an, die verschworene Anhänger von Johannes Itten sind, einem Meister, dessen Lehre mit Mazdaznan, einer esoterisch-spirituellen Kunst- und Lebensphilosophie, verbunden ist. Zu dieser Gruppe gehört auch Jacob, ein Mann von jünglinghafter Schönheit und rätselhaftem Verhalten, mit dem sie eine unglückliche Liebesbeziehung eingeht. Luise empfindet die Gruppe zunächst als fremdartig interessant, wächst dann hinein, aber es treten zunehmend Widersprüche auf, die schließlich zum Bruch führen. Durch das Machtwort ihres Vaters, der der Meinung ist, dass Luise etwas lernen soll, das sie auf den Ehestand vorbereitet, muss sie das Studium abbrechen und drei Jahre eine Haushaltsschule besuchen. 1926 nimmt sie ihr Studium wieder auf, nachdem das Bauhaus von Weimar nach Dessau umgezogen ist. Sie macht ganz neue Erfahrungen, weil sie durch den Bruch mit ihren Eltern ihren Lebensunterhalt selbst verdienen muss. Sie ist jetzt in einer Gruppe von Studenten, die ganz anders sind als die asketisch strengen Itten-Jünger. Man diskutiert, ist freizügig, feiert das Leben. Mit einem aus der Gruppe, Hermann, entsteht eine Liebesbeziehung. Luise vertieft sich in ihr Studium, kämpft um Anerkennung, entwickelt eigene Vorstellungen in der Architektur. In ihrer Gruppe schwankt Luise zwischen Genießen des freizügigen, leichten Lebens mit Esprit und Bohème-Charakter und dem empfundenen Mangel an Zielstrebigkeit und Ernst, der insbesondere in ihrer Beziehung mit Hermann zu Problemen führt, bis hin zum Verdacht, dass Hermann mit nationalsozialistischen Auffassungen sympathisiert. Nach Gewalttätigkeit von Hermann beendet Luise die Beziehung, was auch einen Riss in der Gruppe nach sich zieht. Es entwickelt sich eine Freundschaft zum Gruppenmitglied Friedrich, die durch Ernsthaftigkeit, Sachbezogenheit, Kameradschaftlichkeit geprägt ist. Durch Friedrich, der in einer antifaschistischen Bewegung aktiv ist, eröffnen sich für Luise wieder neue Zusammenhänge. Schließlich scheint der erfolgreiche Abschluss des Studiums mit der Präsentation ihrer Arbeit gefährdet, als sich herausstellt, dass der große Gropius, dem sie ihren Entwurf gezeigt hatte, diesen offensichtlich für ein eigenes Projekt verwendet hat, und nun wird natürlich die kleine Studentin des Plagiats verdächtig. Luise verlässt das Bauhaus in Wut und Bitterkeit. Sie verlässt auch Deutschland und wandert in die USA aus, wo sie als Architektin ihren eigenen Weg geht. Der Roman ist eine Ich-Erzählung, die chronologisch aufgebaut ist, aber in Zeitsprüngen verläuft, die wie Tagebucheintragungen wirken.

Die Diskussion mit 6 TeilnehmerInnen: Einhellig war die Meinung, dass der Roman gut zu lesen und interessant war. Allerdings erschien Einigen die Erzählweise zu nüchtern, sachlich, distanziert. Beispiel: Ein Kuss wurde von der Autorin als zielführend beschrieben. Vermisst wurde, emotional mitgerissen zu werden durch die Handlung, die Dialoge. Sehr informativ und anregend die Beschreibung des Studiums am Bauhaus: Die unterschiedlichen Charaktere der Meister, die neuen Lehrmethoden, der Studienbetrieb, die verschiedenen Gruppierungen der StudentInnen. Wir lernen einzelne Freunde und Freundinnen aus Luises Kreis mit ihren unterschiedlichen sozialen Hintergründen näher kennen. Die Beschreibung erscheint Einigen aber teilweise als zu oberflächlich und klischeehaft. Das Buch gibt Anregungen zu einer ganzen Reihe von Themen, über die wir sprechen: Die Architektur und die Formgebung bei Möbeln, Geräten, die in ihrer Sachlichkeit und Funktionalität etwas völlig Neues waren, aber auch heute noch zu finden sind und Bedeutung haben. Die quasi-religiöse Mazdaznan-Lehre, die an die Anthroposophie Rudolf Steiners erinnert und sektiererische Züge hat. Der aufkommende Nationalsozialismus und die antifaschistische Gegenbewegung, die auch das Biotop des Bauhauses erreichen. Wir sprechen über die Faszination, die mit der Zeit der brodelnden 20er Jahre, ihren Umbrüchen, extremen Gegensätzen, ihrer aufgewühlten Stimmung verbunden ist. Die heutige Aktualität, die sich auch in der vor Kurzem im Fernsehen ausgestrahlten Mini-Serie Eldorado KaDeWe zeigt, hat sicherlich damit zu tun, dass das Ganze jetzt genau 100 Jahre her ist, aber vielleicht auch damit, dass wir auch heute wieder durch Corona und Anderes eine hoch emotionale gesellschaftliche Stimmungslage erleben. Am Schluss des Buches erscheint eine Sachbuchempfehlung in der Wochenzeitung Die Zeit von 1965, die auf das Buch „Kleine Wirtschafts-räume in großen Städten“ von einer Autorin namens Luise Schilling hinweist. Dadurch erweist sich der Roman als Biographie einer realen Person. Allerdings nur, wenn das erwähnte Buch tatsächlich existiert. Man weiß es nicht.

Insgesamt hat uns das Thema Bauhaus und die Zeit der 20erJahre so stark angesprochen, dass wir gerne mehr darüber erfahren wollen. Auch deshalb haben wir uns für das Buch Wenn Martha tanzt” von Tom Saller entschieden, das wir bei unserem nächsten Treffen am  3. März besprechen werden.

Achim Sauerland

Ein wahres Wort …

Die Stadtbibliothek ist der wichtigste Bildungs- und Kulturbetrieb, den die Stadt Bremen hat”.

Das sagte Claas Rohmeyer, Fraktionssprecher der CDU für Kultur, Medien und kirchliche Angelegenheiten am 25.01.2022 bei buten un binnen.

Diese Haltung wünschen wir uns auch von den Politikern in Bremerhaven für unsere Stadtbibliothek!

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