Kyung – Sook Shin (2012): Als Mutter verschwand, Piper Verlag, 248 S.

Buchcover © Piper Verlag

Eine Woche ist es jetzt her, dass Mama verschwunden ist.“ Mit diesem Satz beginnt Kyung – Sook Shins Roman, der uns in das ländliche Korea und eine andere Zeit führt. Denn die nun verschollene So-Nyo Parks wird 1938 in einem kleinen Dorf in Korea geboren. Als 17-­jährige wird sie mit einem ihr unbekannten, aber nach Aussage eines Horoskops passenden 20-jährigen Mann verheiratet. Eine Rettungsmaßnahme, denn es herrscht Krieg, und marodierende Soldaten verschleppen Mädchen ihres Alters.

Sie gebärt fünf Kinder. Einkünfte hat die Familie keine, doch allein mit der Feldarbeit und großen Sparsamkeit vonSo-Nyo gelingt es, alle zu ernähren und dem Nachwuchs eine Schulbildung zu ermöglichen. Ihr Ehemann hat kein Gespür für die Nöte seiner Frau, hilft ihr nicht, schafft keine Geräte an, die ihr die mühselige Arbeit in Haus und Flur erleichtern könnten. Er lebt sein eigenes Leben. Nun ist sie verschwunden und er sitzt allein im Haus, ruft wie immer nach ihr, aber niemand antwortet. Er entdeckt Unerwartetes: Seine Frau hat einen Großteil der Geldzuwendung von der ältesten Tochter Chi-Hon, die eine anerkannte Schrift­stellerin geworden ist, an ein Waisenhaus gespendet. Als Gegenleistung erhielt sie dort etwas für sie Wichtiges: Die Leiterin las ihr Chi-Hons Buch vor. Hatte denn niemand bemerkt, dass die Mutter nicht lesen kann?

Ein oder eine nicht näher benannte Erzähler*in blickt zurück auf die gemeinsamen Erlebnisse mit der Mutter, so als würde ein Fotoalbum aus der Vergangenheit durchgeblättert. Dies sind Versuche, die ereignisreiche Zeit wieder hervorzuholen und zu verstehen. Wertschätzung und Rücksichtnahme hatte die Mutter nie erfahren; alle Familien­mitglieder haben sie als selbst­verständ­liche Institution der einseitigen Pflicht­erfüllung betrachtet und benutzt. Jetzt ist der Moment der Besinnung gekommen.

Kyung-Sook Shin hat mit „Als Mutter verschwand“ einen Roman geschrieben, der einen packt. Am schlechten Gewissen, an der Sehnsucht. Er erzählt meisterlich von Mutterliebe, von Entsagung und Reichtum, von Familienopfern und -wurzeln. Die wenigen kitschigen Momente – ja, auch die gibt es – verzeiht man gern. In Korea war das Buch ein Bestseller, es ist in mehr als 20 Ländern veröffentlicht worden, und Kyung-Sook Shin gewann dafür im vergangenen Jahr als erste Frau den Man Asian Literary Prize.

Esther Lindenau

Das Buch gehört zum Bestand der Stadtbibliothek.