Friedrich Dürrenmatt (1986): Der Verdacht, Diogenes, 128 S.

Buchcover © Diogenes Verlag

Der todkranke Berner Kommissar Bärlach liegt nach einer Krebsoperation im Hospital. In einer Illustrierten sieht er das Bild des Arztes Nehle im Konzentrationslager Stutthoff, wie er ohne Narkose operiert. Sein Freund weist ihn auf die Ähnlichkeit des Naziarztes Nehle mit einem Modearzt namens Emmenberger hin, der in Zürich ein Sanatorium für Reiche betreibt. Bärlach, obwohl hilflos und todkrank im Bett, schöpft den Verdacht, Emmenberger sei mit Nehle identisch und beginnt mit Ermittlungen. Das ist in kurzem der „Plot“ des 1952 erstmals in einer Zeitschrift als Fortsetzungsgeschichte erschienen Romans „Der Verdacht“.

Die Wiederentdeckung lohnt sich nicht allein wegen der moralischen und ethischen Auseinandersetzungen zwischen den Protagonisten. Es ist die logische Unerbittlichkeit, mit der der Kommissar seine Untersuchung durchführt, der kriminalistische Scharfsinn, die ihm in seiner Hilflosigkeit einzig bleiben, um seinem Verdacht nachzugehen, und die den Leser von Anfang in ihren Bann schlagen.

Am meisten hat mich aber bei der erneuten Lektüre die Sprachgewalt des Autors gefangen genommen. Da wird Bärlach in seinen Untersuchungen von Gulliver unterstützt, einem riesigen Juden in „alten, fleckigen und zerrissenen Kaftan“, der weltweit, hauptsächlich „bei den Sowjetern“, im Untergrund lebt, um Gepeinigte zu retten, „eine Handvoll Juden, eine Handvoll Christen“.

„Sein Kopf war kahl und mächtig, die Hände edel, aber alles mit fürchterlichen Narben bedeckt“, mit „wimpernlosen, diamantenen Augen“. Gulliver bringt Wodka an das Krankenbett des Kommissars, den er in großen Zügen trinkt, trinken muss, wie er sagt, als er erzählt, wie der Naziarzt an ihm eine Magenresektion ohne Narkose durchgeführt hat, die Gulliver als einziger überlebt hat.

Mit ganz großer Erzählkunst hält Dürrenmatt bis zum Schluss den Leser in atemloser Spannung, indem er über mehrere Seiten den Ablauf von Zeit in einer einzigen Nacht schildert, Sekunden, Minuten und Stunden, bis zum endgültigen, dramatischen Finale.

Bleibt zu erwähnen, dass der Roman an Hochspannung einem modernen Thriller in nichts nachsteht.

Friedrich von Bonin

Das Buch finden Sie auch in der Stadtbibliothek!