Louise Erdrich (2019): Die Wunder von Little No Horse, Aufbau Verlag, 509 S.

Buchcover © Aufbau Verlag

Ein hundertjähriges Leben wunderschön erzählt, eine pralle Geschichte von Liebe, Mord, Verlust, naivem Glauben in den Papst, sehr schöne Beschreibung von Sexualität … Tragisch und komisch.

Die 20jährige Agnes wird Nonne, flieht, verbündet sich mit einem respektvollen Farmer, der ermordet wird. Sie verwandelt sich in Father Damien und tritt dessen Missionsstelle in einem armen, kalten, entlegenen Indianerreservat namens Little No Horse an (1912). 
Er kann fragen und vor allem zuhören – lässt sich erzählen von der Kultur der Ojibwe – alles ist ihm fremd. Er lernt ihre Rituale, ihre moralischen Vorstellungen, ihre Entwürdigung durch die Weißen kennen und schließlich sogar ihre Familienstrukturen. Er teilt ihr Leben, ihren Hunger, und erstaunt sie genauso wie sie ihn. Father Damien/Agnes entwickelt seine Männer-Rolle und übt sich darin. Nachts ist sie Agnes, am Tage Father Damien. Er erlebt Betrug und Seuchen durch die Weißen und die eigene Annäherung an die Welt der Anishinaabeg.

Eines Tages kommt ein weiterer Priester zu Gast, um von Father Damien den Umgang mit den Eingeborenen zu lernen, und Agnes verliebt sich, will aber nicht wieder fliehen, sondern als Priester bleiben. Eine Frau kann kein Priester sein! Sie quält sich mit ihrer Entscheidung, lernt die Schwitzhütte kennen und fängt wieder an, auf dem Klavier zu spielen.  

Father Damien nähert sich den O mithilfe seines Freundes Nanapush immer weiter an, der längst erkannt hat, dass sie eine Frau ist, dies aber nicht verbreitet. So erfährt sie nach und nach die Geschichte der Dorfbewohner*innen, ihre sonderlichen Verhaltensweisen, ihre teils philosophischen, teils hilflosen Lösungen. Er entwickelt kreative Bußen für die gebeichteten Vergehen. Von ihm können alle Vergebung erwarten. Gleichzeitig erlebt er ein riesiges Spektrum an als katholisch angesehenen Verhaltensweisen. Immer wieder muss er/sie sich selbst verorten und lebt nun zwei Traditionen. Und immer wieder schreibt er Briefe an den Papst mit der Bitte um Klärung.

Jahrzehnte später taucht Father Wekkle erneut auf, todkrank und stirbt in ihrer Nähe nach wiederum langen Gesprächen. Father Damien in nun fast 100 Jahre alt, der Körper ist wenig beweglich, aber der Flügel und Chopin sind sein/ihr Trost. Father Jude kommt, um zu klären, ob ein Gemeindemitglied heiliggesprochen werden soll. Interviewt Father Damien, der sich auch hier in der Komplexität und Widersprüchlichkeit der Realität zurechtfinden muss.

Und schließlich fährt er in einem Boot hinaus auf den See …

Eine Moral? Wenn der Zufall uns eine Chance ins Leben bringt, müssen wir beherzt zugreifen.

Und wir spüren als Leser*innen die tiefe Liebe der Autorin zu ihren Figuren.

Wolfgang Peters