Isabel Allende (2020): Dieser weite Weg, Suhrkamp, 381 S.

Buchcover © Suhrcamp

Der junge Katalane Victor Dalmau beginnt, im spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Republikaner als Arzt zu praktizieren. Als die faschistischen Truppen unter General Franco die Überhand gewinnen, beschließt er, aus Spanien zu fliehen und nimmt die hochschwangere Frau seines Bruders, die Pianistin Roser, mit auf den Weg. Er wagt nicht, seiner Schwägerin zu erzählen, dass ihr Mann im Krieg gefallen ist. Ihre Flucht führt sie unter dramatischen Umständen über die Pyrenäen nach Frankreich.
Dort werden sie mit Zehntausenden anderer Flüchtlinge in Lager interniert, auch in Frankreich können sie nicht bleiben. Mitfühlende Menschen ermöglichen ihnen die Einreise nach Chile. Sie werden in dem neuen Land heimisch, Roser feiert Erfolge als Pianistin, er wird ein gefragter Arzt. In der Sicherheit des chilenischen Exils bleibt ihre Beziehung in der Schwebe: Sie sind durch gemeinsame Flucht und Vertreibung eng miteinander verbunden, aber haben sie eine Liebesbeziehung?
Erneut wird ihre Existenz bedroht, in Chile putschen Generale, die neue Regierung verfolgt Andersdenkende und spanische Exilanten, die vor den Faschisten geflohen sind, gehören allemal dazu.
Wieder müssen sie flüchten und finden in Venezuela eine neue Heimat. Allendes neuer Roman ist die Geschichte der beiden Hauptpersonen, von ihrer Liebesbeziehung, die lange in der Schwebe bleibt. Gleichzeitig flicht die Autorin ihre Erzählung in zwei dramatische Ereignisse des vorigen Jahrhunderts aus, den spanischen Bürgerkrieg und den Putsch der Generale in Chile.
Ich habe die Bücher von Isabel Allende immer gern gelesen, weil sie eine der Autorinnen ist, die Geschichten erzählen können, spannend, fesselnd und mit großer Empathie und Wärme. Und so leiden und hoffen wir mit den Protagonisten dieses Romans von Anfang bis Ende, bei der Flucht aus Spanien, dem verheißungsvollen Anfang in Chile und der erneuten Gefahr durch den Putsch.
Die Autorin ist chilenischer Abstammung, wahrscheinlich ist das mit ein Grund, warum das Leben von Victor und Roser uns so nahe geht. Ein anderer Grund, warum ich das Buch fast in einem Rutsch gelesen habe, ist die Sprache: Immer klar, ruhig, mit fast kühlen Worten, nie pathetisch, nie künstlich und gerade deshalb so eindringlich.
Erwähnung verdient die Übersetzerin Svenja Becker, die Allendes Roman einfühlsam in die deutsche Sprache übertragen hat.

Friedrich von Bonin

Das Buch gehört zum Bestand der Stadtbibliothek!