Wolfram Eilenberger (2020): Feuer der Freiheit: Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten (1933-1943), Klett-Cotta, 400 S.

Buchcover © Klett-Cotta

„Wenn die Weltgeschichte nicht so beschissen wäre, wäre es eine Lust zu leben“ (Hannah Arendt)

Sie sind sehr jung, sehr klug und arbeiten alle an philosophischen Fragen, vor allem beschäftigt sie die Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft oder Kollektiv, bezogen auf ihr eigenes Leben: die Frage nach ihrer Freiheit.
Sie sind Anfang/Mitte zwanzig – für mich heute beeindruckend, wie „erwachsen“ und klug sehr junge Frauen sein konnten/können.
Leider verstehe ich wenig von Philosophie, dennoch sind die Erzählungen über das Leben und die Werke durch Eilenberger auch für mich nachvollziehbar.

Da ist Simone de Beauvoir – bürgerlich abgesichert, sehr gebildet, die sich die Frage stellt, wie sich in einer Liebesbeziehung das Eigene bewahren lässt trotz Seelenverwandtschaft mit dem starken Jean Paul Sartre. Können Liebesbeziehungen zu weiteren Männer, zu Frauen, zu SchülerInnen das eigene Denken und Fühlen stärken? Abhängigkeit und Unterordnung vermeiden?

Da ist Simone Weil, die die Schmerzen und Sorgen anderer intensiv fühlt und sich mit ihnen solidarisiert, indem sie in der Fabrik arbeitet und von dem wenigen Lohn lebt, im Widerstand sich engagiert oder in den Spanischen Bürgerkrieg zieht. Und die Notwendigkeit der Solidarität verstellt ihr nicht den Blick auf die Frage von Individualität und Gesellschaft, die sie bedrohlich beantwortet sieht von gleich zwei Seiten: den Nationalsozialisten, die die Individuen gleichschalten wollen zu einem „Volkskörper“, indem sie Millionen Abweichende ermorden, und den Stalinisten, die den „sozialistischen Menschen“ erzwingen wollen, und ebenfalls zu Mördern werden. Dagegen muss das Individuum gestärkt werden und sich solidarisieren. Dafür lebt Simone Weil – wundervoll und oft heimlich unterstützt von ihren Eltern.

Da ist Hannah Arendt, doppelt vertrieben aus Deutschland und Frankreich, verliebt in einen philosophiegelehrten Naziunterstützer, verheiratet mit einem Mann, der sie trotz Trennung finanziell unterstützt, dass sie ihr Leben retten kann. Wie rettet sich das Individuum in seiner Autonomie, wenn es wie sie einerseits wenig religiöse Jüdin ist, gleichzeitig in dieser Kultur verankert ist und „die anderen“ sie als solche verfolgen? Wenn es das eigene Denken achten und vertreten will, auch wenn viele jüdische Mitleidende sich wünschen, dass sie Eichmann ähnlich beurteilt? Jedenfalls privat hat sie das Glück, einen Mann kennenzulernen, mit dem sie beides gleichzeitig erleben kann: Liebe und Autonomie.

Da ist Ayn Rand, Kind des russischen jüdischen Geldadels, die als neunzehnjährige von ihrer Familie in die USA geschickt wird und wild entschlossen ist, ihr eigenes autonomes Leben aufzubauen, auch wenn es zunächst mit Armut und Leid verbunden ist. Sie will Filme (The Fountainhead) machen, entwickelt ein eigenes Theaterkonzept: Eine wesentlich philosophische Grundfrage wird an einem Konflikt vor dem Hintergrund einer Liebesgeschichte (sonst lasse sich das Publikum nicht auf die philosophische Frage ein) entwickelt und zum Schluss das Publikum aufgefordert, darüber zu urteilen, was richtig und was falsch ist. Rand spitzt die Frage nach der Individualität zu – sie ist das bestimmende Recht des Menschen.

Das passt doch gut zu der heutigen Situation: dem Neoliberalismus in der Politik, der Individualisierung: Ich will Aufmerksamkeit, höre mich, sieh mich an, nimm mich wahr! Keine Gewerkschaften, Parteien, Verbände, Kirchengemeinden; wir treffen uns auf facebook mit den anderen Individuen und vielleicht auch zu einem flashmob …

Eilenberger rekonstruiert das Leben dieser vier Frauen im Zeitraum 1933-1943 auf anschauliche Weise. Keine langweilige Chronologie, sondern ein Hin und Her zwischen den Personen und Zeiten, humorvoll und unterhaltsam. Und mit viel Respekt gegenüber diesen vier tollen Frauen.

Ingrid Müller

Das Buch gehört zum Bestand der Stadtbibliothek.