Colum McCann (2020): Apeirogon, Rowohlt, Hamburg, 608 S.

Buchcover ©Rowohlt Verlag

Das Unglück, die Katastrophe für die Familien von Rami, dem Israeli, und Bassam, dem Palästinenser, ist schon passiert, als die Erzählung einsetzt. Smadar, Ramis Tochter, wurde knapp 14jährig von der Bombe eines Selbstmordattentäters getötet. Abir, die Tochter Bassams, starb durch die Kugel eines israelischen Soldaten, sie war 10 Jahre alt.
Die Väter Rami und Bassam erzählen ihre Geschichten und die ihrer Töchter immer und immer wieder. Indem sie dies tun, versuchen sie, das scheinbar Unmögliche zu erreichen, das Ende der Besetzung Palästinas durch Israel, das Ende des gegenseitigen Hasses und das Ende des gegenseitigen Mordens. „Es hört erst auf, wenn wir miteinander reden“ ist ihre Überzeugung und ihr Mantra. Diese Überzeugung treibt sie an und lässt sie weiter hoffen und für die Verständigung arbeiten.
In 2 x 500 kleinen bis kleinsten, oft nur aus einem einzigen Satz bestehenden Kapiteln, blättert sich das Leben der beiden Protagonisten wie ein Kaleidoskop vor uns auf. Wie ein Apeirogon, der geometrischen Form, über die es in dem Buch heißt: „Man kann innerhalb des Ganzen überall hingelangen. Jeder Punkt ist erreichbar. Alles ist möglich, sogar das scheinbar Unmögliche.“ (S. 544) Das scheinbar Unmögliche ist der Frieden.
Das Buch ist konsequent aus der Perspektive der beiden Väter erzählt. Der Autor lässt uns wissen, dass Rami und Bassam reale Personen sind, über deren Schicksal und das ihrer Familien bereits in der Presse zu lesen war. So gibt es am Ende des Romans konsequenterweise einen ganz handfesten Verweis auf die Realität. Der Autor nennt Organisationen, die sich für den Frieden einsetzen und die Spenden gebrauchen können.
Das Buch fordert uns einiges ab. Viele Schilderungen der immer gegenwärtigen Gewalt sind schwer erträglich. Wer sich für Israel und Palästina interessiert, sollte dieses Buch trotzdem lesen. Wer glaubt, schon alles über diese Region und den Konflikt zu wissen, sollte es unbedingt lesen. Wer müde geworden ist, an Humanität und die Kraft der Versöhnung zu glauben, könnte mit diesem Buch neue Hoffnung schöpfen.

Der Autor Colum McCann ist in Dublin geboren und lebt in New York. Er ist mit seinen Romanen „Die große Welt“ und „Der Tänzer“ bekannt geworden und nominiert für den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2021.

Silke Siedenburg

Der Titel ist ist in beiden Bibliothekstandorten vorhanden.