Marco Balzano (2020): Ich bleibe hier, Diogenes, Zürich, 288 S.

Buchcover:©Diogenes Verlag

Der erste Weltkrieg ist vorüber, und in dem kleinen Dorf Graun im Vinschgau in Südtirol träumt die 17jährige Trina davon, Lehrerin zu werden. Ihre bodenständige Mutter ist davon nicht begeistert, sie wirft der Tochter vor, ständig Gedanken im Kopf und ein Buch auf den Knien zu haben. Trina setzt sich durch, aber trotz Lehrerinnenexamen wird sie nicht unterrichten. Südtirol ist im Versailler Friedensvertrag Teil Italiens geworden, und Mussolinis Faschisten beginnen eine brutale Italienisierung des Landes. Die deutsche Sprache wird verboten, deutsche Namen verschwinden, deutsch-sprachige Angestellte werden entlassen. Die Bevölkerung verändert sich. Immer mehr Italiener, vor allem aus dem Süden des Landes, kommen auf Geheiß Mussolinis nach Südtirol.
In der Bevölkerung formiert sich Widerstand. „Katakombenschulen“ entstehen. An geheimen Orten werden Kinder in deutscher Sprache unterrichtet. Auch Trina versucht, dort zu unterrichten, aber es ist gefährlich. Wer erwischt wird, dem drohen Geldstrafen, Prügel, Rizinus (bei den Faschisten als demütigende  Strafe sehr beliebt) oder im schlimmsten Fall Verbannung. Gleichzeitig nehmen die Faschisten ein altes Projekt wieder auf: Den Bau eines Staudamms am Reschensee. Trina heiratet Erich, sie bekommen einen Sohn und eine Tochter und führen das beschwerliche Leben einer Bauernfamilie. Gleichzeitig nimmt der politische Druck auf die Menschen aus einer anderen Richtung zu. So wie Mussolini immer mehr Italiener nach Südtirol schickt, versuchen die deutschen Nationalsozialisten Druck auszuüben, damit Südtiroler Familien nach Deutschland ziehen. Der Konflikt zwischen denen, die gehen, und denen, die bleiben wollen, entzweit Familien und Freunde.
Der Staudammbau beginnt, und im gleichen Jahr müssen auch südtiroler Männer für Mussolini in den Krieg ziehen. Nach dessen Sturz kommen die Deutschen. Alles Italienische wird verboten und südtiroler Männer sollen nun für das nationalsozialistische Deutschland kämpfen. Erich überlebt, aber ein anderer Kampf geht weiter: Der Kampf um die Heimat, die dem Staudammbau zum Opfer fallen soll. Ein vergeblicher Kampf. Das verzweifelt-trotzige Ich bleibe hier hat keine Chance gegen über der Macht von Wirtschaft und Politik. Das Dorf  Graun wird geflutet, nur der Kirchturm bleibt aus Gründen des  Denkmalschutzes sichtbar, die anderen Häuser werden gesprengt. Entschädigungen erhalten die betroffenen Menschen nie.
 Der Kirchturm, der aus dem Wasser ragt, ist heute eine Touristenattraktion. Sein Anblick und eine Gedenktafel waren der Anlass für die Recherchen Mario Balzanos zur Geschichte Südtirols zwischen den Weltkriegen und zur Geschichte des Staudamms, dessen Bau nicht nur vielen Menschen die Heimat nahm, sondern auch viele Arbeiter das Leben kostete. Deren Gesundheit und Leben interessierte die Mächtigen in den Konzernen wenig.

Die Personen dieses Romans sind in der Mehrheit fiktiv, aber sie sind exemplarisch für Menschen, die nur  Figuren im Spiel der Mächtigen sind.

Marco Balzano, geboren 1978, lebt in Mailand und ist zurzeit einer der erfolgreichsten Autoren Italiens.

Noch ein Wort zur Geschichte Südtirols im vergangenen Jahrhundert:

Nach dem zweiten Weltkrieg ist die deutsche Sprache zwar wieder zugelassen, aber die versprochene Autonomie lässt auf sich warten. Es kommt immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Volksgruppen. Erst nach 1969 im sogenannten „Südtirolpaket“ wird die Autonomie verwirklicht und Deutsch zweite Amtssprache.

Elena Reimann

PS: Das Buch kann sowohl in der Zentralbibliothek als auch in der Zweigstelle Leherheide ausgeliehen werden!