Monat: Februar 2021

Der Lesetipp im Februar konfrontiert uns mit Rassismus und Gewalt, die bis in die Gegenwart reichen.

 Steph Cha (2020): Brandsätze, Ars Vivendi, Cadolzburg, 336 S.

Buchcover:  © Ars Vivendi Verlag

Die Buchempfehlung im Februar führt uns in die USA, genauer gesagt nach Los Angeles. Geschildert wird in dem Roman das Schicksal einer schwarzen und einer koreanischen Familie, die durch eine verhängnisvolle Tat miteinander verbunden sind. Die Autorin Steph Cha bezieht sich dabei auf ein reales Ereignis: 1991 tötetet die koreanische Ladenbesitzerin Soon Ja Du wegen eines vermeintlichen Diebstahls eine 15 Jahre alte schwarze Schülerin mit einem Schuss in den Hinterkopf. Die Tat wird vor Gericht nicht als Mord, sondern lediglich als Totschlag gewertet. Eine weiße Richterin verurteilt die Frau zu fünf Jahren Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von 500 Dollar. Empört und verbittert muss die schwarze Bevölkerung das Urteil hinnehmen, eine Eskalation kann gerade noch verhindert werden. Als im April des darauffolgenden Jahres vier weiße Polizisten den Afroamerikaner Rodney King vor laufender Kamera brutal misshandeln und anschließend freigesprochen werden, brechen in der Stadt bürgerkriegsähnliche Unruhen aus. Über 50 Menschen sterben, es gibt 2400 Verletzte, in Koreatown werden mehr als tausend Läden in Brand gesetzt. Ein Zusammenhang mit dem Fall Soon Ja Du gilt als gesichert. Im Roman wird diese reale Geschichte fiktional in der Gegenwart fortgesetzt und aus zwei Perspektiven geschildert. Da ist zum einen der Bruder des Opfers, der Augenzeuge des Ereignisses war, und aus dem Blickwinkel der schwarzen Community erzählt. Die Tochter der Ladenbesitzerin bildet quasi den „Gegenpart“. Sie erfährt erst sehr viel später von den Geschehnissen der Vergangenheit und muss sich mit der Tat ihrer Mutter, den damit einhergehenden Lügen und den daraus resultierenden Folgen auseinandersetzen. Auch wenn diese damit verbundenen Verwicklungen nie geschehen sind, ist es der Autorin gelungen, die fiktive Handlung absolut glaubwürdig zu gestalten, nichts wirkt konstruiert, genauso könnten die Protagonist*innen gedacht, gehandelt und gefühlt haben. „Brandsätze“ ist ein analytischer, scharfsinniger und höchst spannender Roman, den man nicht aus der Hand legen mag. Darüber hinaus ist es ein hochaktuelles Werk, das den Blick auf eine zutiefst gespaltene, von Ressentiments, Diskriminierung und diffusen Ängsten geprägte amerikanische Gesellschaft wirft. Der gewaltsame Tod von George Floyd im Mai 2020 verstärkt die Bedeutung dieser Erzählung über Rassismus und die verheerenden Langzeitwirkungen von Gewalttaten.

PS: Der Roman kann in der Stadtbibliothek ausgeliehen werden!

PPS: Steph Cha lebt mit Mann, Kind und Hund in Los Angeles. Ihr Vater, ein erfolgreicher Anwalt, kam vor mehr als einem halben Jahrhundert in die USA, ihre Mutter wenig später. Sie hatte laut eigener Aussage eine sehr behütete Kindheit, ging auf eine Privatschule – und samstags auf Wunsch ihrer Eltern auf eine koreanische Schule. Sie entwickelte mit den Jahren ein großes Interesse an den unauflösbaren Widersprüchlichkeiten des sogenannten Melting Pots. Näheres über die Autorin, ihre Perspektive und Herangehensweise gibt es hier: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/krimis-helfen-wenn-die-welt-duester-ist

Esther Lindenau

Leseclub

Leider kann auch im März kein Treffen des Leseclubs stattfinden. Wir hoffen sehr auf den April und halten Sie auf dem Laufenden!

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